Ihre Finger zitterten.

TEIL 2

Marion öffnete den Umschlag.

Nicht gerade vorsichtig.

Als hätte das Papier sie verbrannt.

Darin befanden sich ein Brief, ein Schlüssel und ein kleines, altmodisches Sparbuch, so eines, wie meine Mutter es sorgsam in einer Keksdose aufbewahrte.

Marion las nicht laut vor.

Ihre Augen wanderten über die Zeilen, und ihr Gesichtsausdruck veränderte sich mit jedem Satz. Zuerst Wut. Dann Verwirrung. Dann so etwas wie Scham.

Ich habe ihren Brief angenommen.

Meine liebste Marion,

Ich gehe, bevor du mich nochmal fragen musst.

Ich bin dir nicht so nachtragend, wie du denkst. Angst verhärtet die Herzen. Erschöpfung verhärtet die Worte. Und die Krankheit eines Kindes verwandelt manchmal das Zuhause in einen Käfig, in dem jeder jedem vorwirft, zu viel Platz einzunehmen.

Ich wollte nie deinen Platz einnehmen.

Ich wollte niemals eine unerwünschte Präsenz in Ihrem Haus sein.

Ich wollte meinem Sohn, meiner Schwiegertochter und meinem Enkel nur so gut wie möglich helfen: Suppe kochen, Wäsche zusammenlegen und schweigen, wenn ich vielleicht hätte etwas sagen sollen.

Das Geld, das ich nach dem Tod meines Mannes angespart hatte, war für meinen Lebensabend bestimmt. Doch mein Lebensabend ist vorbei. Baptiste hingegen muss so lange wie möglich leben.

Deshalb habe ich meine Ersparnisse aufgegeben, um seine Behandlung zu unterstützen.

Glaubt nicht, ich tue das, um mir einen Platz in diesem Haus zu sichern. Oma sollte laut Gesetz niemals dafür bezahlen müssen. Aus Liebe.

Ich tue dies, weil Baptiste unser Leitstern ist, selbst wenn wir zu große Schmerzen haben, um uns daran zu erinnern.

Ich liebe dich.

Madeleine.

Ich konnte meinen Satz nicht beenden, ohne dass meine Stimme versagte.

Marion setzte sich.

Das Sparbuch fiel auf den Tisch.

Jahrelang mühsam gespart. Fünfzig Euro hier, hundert Euro dort. Die Hinterbliebenenrente meines Vaters. Der Erlös aus dem Schmuckverkauf. Die Auszahlung einer alten Lebensversicherung. Alles ging für Baptistes Krankenhausrechnung drauf.

Mein Sohn kam in die Küche und hielt seinen blauen Schal fest umklammert.

“Wann kommt Oma wieder?”

Marion schloss die Augen.

Eine Träne rann.

Zum ersten Mal seit Monaten wirkte sie nicht wütend. Sie schien klein. Verloren. Als hätte sie gerade ihre eigene Grausamkeit im Spiegel gesehen.

„Antoine“, murmelte sie. „Wo ist sie hin?“

Ich schaute mir den Schlüssel im Umschlag an.

Ein kleiner, flacher Schlüssel an einem hölzernen Schlüsselring.

Eine handschriftliche Adresse darauf:

„Kamer 12 – Maison Sainte-Marthe, Vichy.“

Meine Mutter ist nicht nach Rio gefahren.

Sie fuhr fort.

Mehr allein.

Wir nahmen das Auto.

Marion wilde mee.

Ich hätte beinahe abgelehnt.