Camila zerrte mit beiden Händen an dem Teppich und befreite ihn aus einem Haufen nasser Kartons und zerrissener schwarzer Säcke. Ihr Herz hämmerte, als würde es ihr in den Ohren klingeln. Es war kein gewöhnlicher Teppich; der Stoff war dick und schwer und glänzte selbst unter dem Morast der Müllkippe noch elegant. Er war aufwendig mit Goldfäden, tiefblauen Blumen und bordeauxroten Borten bestickt, was in einem Haus in dieser Gegend völlig deplatziert wirkte, geschweige denn in der Müllhalde eines reichen Mannes.
„Mama, was hast du gefunden?“, fragte Joaquin, der mit staubigen Schuhen auf ihn zukam.
„Komm nicht näher“, flüsterte Camila. „Bleib da, beim Fass.“
Der Teppich war in dünnes Seil gewickelt, so sorgfältig verschnürt, dass er nicht wie achtlos weggeworfener Müll aussah. Camila sank auf die Knie, ihr Magen verkrampfte sich. Seit sie hierhergekommen war, hatte sie viele schreckliche Dinge gesehen: tote Tiere, verrottende Lebensmittel, blutbefleckte Kleidung und einmal sogar einen gestohlenen Fernseher mit einem Preisschild. Aber das hier war anders. Reichtum kommt nicht ohne Grund. Und erst recht nicht, wenn er so unauffällig entsteht.
Mit zitternden Fingern löste er den Knoten.
Luz Marina hielt sich die Nase zu. „Es riecht komisch, Mama.“
Camilla öffnete den Teppich einen Spaltbreit, gerade so weit, dass sie die Rückseite sehen konnte. Da bemerkte sie, dass der Teppich in der Mitte steifer war,
als ob sich etwas zwischen den Lagen verbarg. Sie versuchte, ihn weiter zu öffnen, doch eine Kante gab von selbst nach, und eine Hand fiel heraus.
Eine menschliche Hand.
Camilla stieß einen erstickten Schrei aus und sank auf den Müllhaufen. Ihr ganzer Körper erstarrte vor Angst. Luz Marina schrie auf und umarmte Joaquin. Für eine gefühlte Ewigkeit stand die Welt still: das Summen der Fliegen, das ferne Bellen eines Hundes und die orangefarbene Sonne, die hinter dem Hügel unterging. Es war kein vollständiger Körper, wie sie zuerst gedacht hatte. Es war ein Mann, in einen Teppich gewickelt, Hände und Füße mit Plastikbinden gefesselt, der Mund mit grauem Klebeband verklebt. Sein weißes Hemd war schweißnass, und getrocknetes Blut klebte an seinen Schläfen. Seine Augen waren geschlossen.
Aber er atmete.
„Oh mein Gott!“, flüsterte Camila.
Der Mann stöhnte leise.
Joaquin, der älter aussehen wollte als seine zehn Jahre, trat vor.
Er?
Camila riss sich aus ihren Gedanken. Sie sah sich um. Die Müllkippe war um diese Uhrzeit fast menschenleer, bis auf zwei Männer, die am anderen Ende nach Schrott suchten, und einen Lkw, der in einer Staubwolke davonfuhr. Niemand schien etwas zu bemerken.
„Ja“, sagte er. „Und wenn derjenige, der es hierher geworfen hat, noch da ist, können wir nicht bleiben.“
Sie sah den Mann erneut an. Trotz seines verwitterten Gesichts war klar, dass er nicht in ihre Welt gehörte. Er trug eine teure Uhr, teure Schuhe und eine Goldkette, die halb unter seinem Kragen verborgen war. Seine Nägel waren sauber, seine Haut gepflegt.
Ein reicher Mann. Einer von denen, die eine Frau wie sie vielleicht nie ohne Mitleid oder Verachtung betrachtet hätten.
Und doch lag es da, wie ein Müllsack.
Camila überlegte, zu gehen. Ihre Kinder mitzunehmen und so zu tun, als hätte sie nichts gesehen. Sie hatte genug Probleme: überfällige Miete, leere Vorratskammer, Arztrechnungen seit Juliáns Tod. Jeder Vernünftige wäre geflohen. Doch er stöhnte erneut, und ein Gedanke, scharf wie ein Schwert, durchfuhr Camila: Wenn sie ihn verließ, würde er sie töten.
„Joaquín, hilf mir, ihm das Klebeband vom Mund zu entfernen“, sagte er. „Luz, pass auf, wer da ist.“
„Was, wenn er ein Verbrecher ist?“, fragte der Junge mit zitternder Stimme.
Camila presste die Zähne zusammen. „Er ist jetzt ein Mann. Er wird sterben, wenn wir nichts unternehmen.“
Mit zitternden Fingern riss sie ihm das Pflaster vom Mund. Er stöhnte und rang nach Luft. Camila benutzte dann ein Stück zerbrochenes Glas, um die Plastikverbände um seine Handgelenke aufzuschneiden. Der Mann öffnete die Augen einen Spalt breit; sie waren dunkel, verwirrt und voller Angst.
„Nein, bring mich nicht zurück“, murmelte er. „Sei still“, sagte Camila bestimmt. „Wenn du leben willst, sei still und versuche, auf den Beinen zu bleiben.“
Sie wusste nicht, woher die Autorität in seiner Stimme kam, aber er gehorchte. Mit Joaquins Hilfe gelang es ihnen, ihn aufzurichten. Er war groß und schwer und fast bewusstlos. Camila nahm ihren Schal ab und wischte ihm etwas Blut von der Stirn.
„Kannst du laufen?“