„Sollen sie doch kommen“, erwiderte Zainab und strich mit den Fingern über die Narben in seinen Handflächen – Narben vom Feuer, Narben von jahrelangem Betteln und die frischen Schnitte von der gestrigen Operation. „Wir haben lange genug in der Dunkelheit gelebt, um zu wissen, wie wir sie überstehen. Wenn sie den Arzt holen wollen, müssen sie erst an dem blinden Mädchen vorbei.“
In der Ferne setzte der Fluss seine unermüdliche Reise fort, bahnte sich einen Weg durch das Gestein und bewies, dass selbst das sanfteste Wasser den härtesten Fels aufbrechen kann, wenn man ihm nur genug Zeit gibt.
Mit dem Einbruch des brutalen Winters, zehn Jahre nach der Nacht des blutigen Wagens, war die Luft im Tal dünn geworden. Das Steinhaus war um einen kleinen Flügel erweitert worden, der als Klinik für die Unberührbaren diente – die Leprakranken, die Mittellosen und jene, die die Ärzte des Ortes für „nicht mehr zu retten“ hielten.
Zainab bewegte sich mit geisterhafter Anmut durch die Krankenstation. Sie brauchte keine Augen, um zu wissen, dass Bett drei mehr Weidenrindentee gegen das Fieber benötigte oder dass die Frau am Fenster still weinte. Sie konnte hören, wie das Salz auf das Kissen prasselte.
Yusya war nun älter, sein Rücken leicht gebeugt von den Jahren, in denen er sich über zitternde Körper gebeugt hatte, doch seine Hände blieben die ruhigen Werkzeuge eines Meisters. Sie lebten in einem fragilen, hart erkämpften Gleichgewicht – bis der Klang der silbernen Trompeten den Morgennebel zerriss.
Diesmal gab es keine einzige Kutsche. Es war ein Festzug.
Die Dorfältesten traten auf den Feldweg und verbeugten sich so tief, dass ihre Stirnen den Frost berührten. Ein junger Mann, in pechschwarze Seidenpelze gehüllt und mit dem Siegelring des Provinzgouverneurs bekleidet, betrat den gefrorenen Boden. Er war nicht länger der zerlumpte Junge mit dem verfaulten Oberschenkel; er war ein Herrscher mit einem Blick, der wie ein eisiger Winterwind schnitt.
„Ich suche die blinde Heilige und ihren stummen Schatten“, dröhnte die Stimme des Gouverneurs, obwohl unter der Autorität ein Hauch von Ehrfurcht mitschwang.
Yusya stand an der Tür der Klinik und wischte sich die Hände an einer fleckigen Schürze ab. Er verbeugte sich nicht. Er hatte dem Tod schon zu oft ins Auge geblickt, als dass ihn eine Krone noch einschüchtern konnte.
„Der Heilige ist damit beschäftigt, seine Verbände zu wechseln“, sagte Yusya mit rauer Stimme. „Und der Schatten ist müde. Was will die Stadt jetzt schon wieder von uns?“
Der Gouverneur, der Julian hieß, ging auf die Veranda zu. Drei Schritte entfernt blieb er stehen, den Blick auf den Mann gerichtet, der einst ein Geist gewesen war.
„Mein Vater ist tot“, sagte Julian leise. „Er starb, indem er den ‚Mönch‘ verfluchte, der mich gerettet hatte, denn er wusste im Herzen, dass kein Mönch die Hände eines Chirurgen besitzt. Seine letzten Jahre verbrachte er damit, dieses Haus wiederzufinden, um das zu vollenden, was er im großen Brand begonnen hatte.“
Zainab erschien im Türrahmen, ihre Hand ruhte auf dem Türrahmen. Sie trug einen tiefindigofarbenen Schal, und ihre unsichtbaren Augen schienen Julians feine Kleidung zu durchdringen.
„Und du?“, fragte sie. „Bist du gekommen, um sein Werk zu vollenden?“
Julian sank im gefrorenen Schlamm auf ein Knie. Die Dorfbewohner schnappten nach Luft.
„Ich bin gekommen, um die Zinsen für eine zehn Jahre alte Schuld zu begleichen“, erwiderte Julian. „Die Stadt verfällt, Zainab. Die Ärzte sind Scharlatane, die die Armen ausbeuten. Die Krankenhäuser sind Leichenhallen. Ich baue eine königliche medizinische Akademie, und ich möchte, dass ihr Rektor der Mann ist, der einen sterbenden Jungen in einer Lehmhütte rettete.“
Yusya erstarrte. „Ich bin ein toter Mann, Exzellenz. Ich kann nicht in die Stadt zurückkehren. Ich bin ein Bettler. Ein Geist.“
„Dann erhält der Geist ein Dokument“, sagte Julian, stand auf und zog ein schweres Pergament aus seiner Tunika. „Ich habe ein Dekret unterzeichnet. Alle früheren ‚Verbrechen‘ von Doktor Jusja sind getilgt. Das große Feuer wird offiziell als Naturereignis dokumentiert. Ich gebe dir die Macht, eine neue Generation auszubilden. Nicht in der Kunst der Goldsuche, sondern in der Kunst des Heilens.“
Das Angebot war alles, wovon Yusha einst geträumt hatte – Wiederherstellung, Ansehen und die Chance, die Welt zu verändern. Er sah Zainab an. Er sah, wie sie den Kopf zu den Bergen neigte, die sie durch ihr Echo wiedererkannte.
„Und meine Frau?“, fragte Yusya.