Am nächsten Morgen reiste sie nach Chicago, wo ihr eine alte Freundin aus der Highschool half, ein kleines Zimmer hinter einem Friseursalon zu mieten.
Dort fing sie wieder ganz von vorne an, mit nichts.
Sie verkaufte morgens Brötchen.
Ich habe nachmittags abgewaschen.
Am Abend, als ihr Körper bereits völlig erschöpft war, lernte sie online Buchhaltung.
Danach brachte sie ihren Sohn zur Welt.
Sie nannte ihn Owen.
Owen wurde mit tiefen, ernsten Augen geboren, Augen, die ihm den Eindruck vermittelten, dass er für ein Neugeborenes viel zu viel verstand.
Er wuchs zu einem schlanken, sanftmütigen Jungen mit unstillbarer Neugier heran.
Er stellte Fragen zu allem.
Warum sich der Himmel bei Sonnenuntergang orange färbte.
Warum seine Mutter nie über seine Großeltern sprach.
Warum es keine Fotos von seinem Vater gab.
Hannah gab ihm immer nur die Antworten, die sie ihm geben konnte.
Dein Vater war ein guter Mann.
Und meine Großeltern?
Eines Tages, Liebling.
Doch dieser „irgendwann“ kam, als Owen zehn Jahre alt wurde.
An diesem Abend, als sie ein Stück billigen Schokoladenkuchen anschnitten, sah er sie mit einem Ernst an, der etwas in ihr zerriss.
„Mama, ich möchte sie unbedingt kennenlernen. Nur einmal.“
Hannah wurde ängstlich.
Sie hat keine Angst vor ihren Eltern.
Die Angst vor allem, was sie jahrelang unterdrückt hatte.
Aber Owen hatte die Wahrheit verdient.
Drei Tage später bestiegen sie also einen Bus nach Albany.
Hannah trug einen Rucksack, eine gelbe Mappe und einen in eine Serviette gewickelten USB-Stick bei sich.
Sie kamen am Samstagnachmittag an.
Das Haus sah genau so aus wie immer.
Die gleiche braune Haustür.