Clarisse verfiel in eine tiefe Depression und musste zweimal ins Krankenhaus eingeliefert werden. Die Ehe hielt nicht lange. Nach drei Jahren erfolgloser Suche konnte Clarisse den ständigen Stress und Schmerz nicht mehr ertragen. Sie zog zu ihrer Schwester nach São Paulo und ließ Roberto allein in Curitiba zurück.
Bevor er ging, sagte er: „Ich kann nicht länger in einer Stadt leben, die voller Erinnerungen an ihn ist.“
Doch Roberto gab nie auf. Selbst nachdem der Fall 2001 mangels neuer Beweise offiziell eingestellt worden war, setzte er seine Suche fort. Er suchte regelmäßig die Polizei auf, setzte sich für die Wiederaufnahme der Ermittlungen ein und hielt über ein informelles Netzwerk Kontakt zu anderen Eltern vermisster Kinder.
So entwickelte er die Angewohnheit, Flohmärkte zu besuchen. Die Idee war einfach: Wenn Marina noch irgendwo lebte, würden ihre Sachen vielleicht eines Tages auf einem Flohmarkt auftauchen. Die Wahrscheinlichkeit war verschwindend gering, aber es war seine letzte Hoffnung. An einem Morgen im Juni 2006 war Roberto wie jede Woche auf dem Flohmarkt in der Innenstadt unterwegs, als er einen Laden betrat, der verlorene Erinnerungsstücke verkaufte.
Die Besitzerin, eine Frau in ihren Sechzigern namens Donna Eulalia, erkannte ihn, weil sie ihn oft sah. Sie begegnete ihm stets mit Mitgefühl, im Bewusstsein der Tragödie, die er mit sich trug.
„Guten Morgen, Don Roberto“, sagte er hinter der Kasse und rückte seine dicke Brille zurecht. „Gestern sind ein paar neue Sachen eingetroffen. Schauen Sie mal in der Spielzeugabteilung vorbei.“
Er nickte zum Dank und ging in den hinteren Teil des Ladens. Die Spielzeugabteilung war klein, aber gut sortiert. Rostige Spielzeugautos, haarlose Puppen, Puzzles mit fehlenden Teilen, vergilbte Brettspiele – alles stumme Zeugen vergangener Kindheiten.
Und dort sah er sie.
Mitten im zweiten Regal, zwischen einem Teddybären mit fehlendem Auge und einer Sammlung kleiner Plastikdosen, saß eine blonde Barbie. Roberto spürte, wie ihm das Herz einen Schlag versetzte. Die Puppe war fast identisch mit der Prinzessin, die Marina an dem Tag bei sich getragen hatte, als sie verschwand. Sie hielt sie mit zitternden Händen.
Es hatte denselben Stil, dieselben lockigen blonden Haare und dasselbe blaue Outfit, aber was ihn am meisten schockierte, war sein Zustand. Obwohl es eindeutig benutzt worden war, wies es nicht die üblichen Gebrauchsspuren auf, die man von einem zehn Jahre alten Spielzeug erwarten würde.
Roberto drehte die Puppe um, und ein Schauer durchfuhr ihn.
Auf ihrem Hals prangte Marinas charakteristische Babyschrift. Es war genau dieselbe Handschrift, mit der ihre Tochter ihren Namen geschrieben hatte.
Doch was dann geschah, ließ ihn beinahe in Ohnmacht fallen.
Roberto drückte versehentlich auf die Brust des Babys. Es machte ein Geräusch.
Es war nicht das übliche „Mama“ oder „Papa“, das man von handelsüblichen Puppen kennt. Es war die Aufnahme einer gedämpften, aber deutlichen menschlichen Stimme.
„Papa, hilf mir! Ich komme hier nicht raus. Es ist zu dunkel. Ich habe Angst.“
Es war zweifellos Marinas Stimme. Roberto kannte diese Stimme besser als jede andere auf der Welt.
Ihre Tochter war älter als zum Zeitpunkt ihres Verschwindens, aber es war definitiv Marina.
Die Puppe glitt ihr aus der Hand und fiel mit einem dumpfen Geräusch auf den Holzboden der Werkstatt. Donna Eulalia hob besorgt den Kopf.
Ist alles in Ordnung, Don Roberto?
Roberto war völlig geschockt. Sein Verstand versuchte, das Unmögliche zu begreifen. Es war Marinas Puppe, und in ihr befand sich eine Aufnahme ihrer Stimme, in der sie um Hilfe rief.
Aber wie? Woher kam sie? Wer hatte sie in die Werkstatt gebracht? Mit fast übermenschlicher Kraft bückte sich Roberto und hob die Puppe wieder auf. Diesmal drückte er sie absichtlich fester an seine Brust und hielt seinen Finger länger dort. Die Aufnahme fuhr fort: „Jemand hat mich an einen Ort gebracht, wo viele Kinder sind. Die Tante sagte uns, dass Mama und Papa mich nicht mehr wollen, aber ich weiß, dass ihr mich liebt. Bitte kommt und holt mich ab. Ich bin in einem großen Haus, das die Farbe von … hat.“
Die Backsteinmauer war von einem hohen Zaun umgeben. Davor stand ein Schild mit der Aufschrift: „Heimat der Heiligen Teresa“.
Roberto spürte, wie seine Beine nachgaben.
Das Waisenhaus Santa Teresa – er kannte den Namen. Es lag in São José dos Pinhas, in der Nähe von Curitiba. Aber wie konnte Marina dort sein, und warum hatten sie nicht schon früher dort gesucht? Immer noch zitternd ging er zum Empfang, wo Dona Eulalia gerade Kleidung sortierte.
„Dona Eulalia, woher kommt dieses Baby? Wer hat es gebracht?“, fragte er und versuchte, seine Stimme zu beherrschen. Die Frau sah ihn überrascht an und bemerkte seine Traurigkeit. „Ach, das Baby kam gestern Nachmittag. Eine Frau brachte es zusammen mit Kinderkleidung. Sie sagte, sie räume gerade ihr Haus auf und trenne sich von ihren alten Sachen.“
Roberto schluckte schwer. „Erinnerst du dich, wie die Frau war? Kannst du mir mehr Details geben?“ Dona Eulalia runzelte die Stirn und versuchte, sich zu konzentrieren. „Sie war eine Frau mittleren Alters mit grauem Haar, das zu einem Dutt gebunden war.“ Sie trug eine weiße Uniform, so etwas wie eine Krankenschwesteruniform. Sie war sehr höflich, wirkte aber nervös.
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